interview
Wie das virtuelle Theater die Zukunft der Bühne verändert
© MistervladIm Gespräch mit der Wiener Staatsoper über digitale Planung, virtuelle Bühnenwelten und die Zukunft der Opernproduktion.
Große Opernhäuser zählen zu den traditionsreichsten Orten der Kulturwelt. Gleichzeitig verändert sich hinter den Kulissen die Art, wie Produktionen geplant, vorbereitet und umgesetzt werden.
Virtuelle Bühnenwelten, digitale Planung und moderne Visualisierungstechnologien eröffnen neue Möglichkeiten für komplexe Produktionen, internationale Zusammenarbeit und effizientere Probenprozesse. Dabei geht es nicht darum, Tradition zu ersetzen – sondern darum, mehr Raum für Kreativität und die eigentliche Magie der Bühne zu schaffen.
Eine zentrale Rolle spielt dabei die Zusammenarbeit zwischen den Steuerungssystemen von Waagner-Biro Stage Systems und den Visualisierungslösungen von Zacview. Daraus entstand eine Lösung, die virtuelle Planung direkt mit den realen Abläufen auf der Bühne verbindet und damit neue Möglichkeiten für die Vorbereitung komplexer Produktionen eröffnet.
Gemeinsam mit Ulfried Grabner, Technischer Direktor der Wiener Staatsoper, sowie Robert Eisenstein aus der Lichttechnik und Eva Swoboda aus der technischen Direktion der Wiener Staatsoper haben wir darüber gesprochen, wie digitale Planung den Theateralltag bereits heute verändert, welche Chancen sich daraus für die Zusammenarbeit unterschiedlicher Gewerke ergeben und warum virtuelle Planung künftig zu einem selbstverständlichen Bestandteil moderner Bühnenhäuser werden könnte.
© Wiener StaatsoperBild: Ulfried Grabner (stehend), Robert Eisenstein (sitzend)
Herr Grabner, wenn man an Oper denkt, denkt man zuerst an Kunst, Emotion und große Inszenierungen. Wie stark verändert Technologie heute bereits die Arbeit hinter der Bühne?
Ulfried Grabner: Die Magie der Oper entsteht nach wie vor auf der Bühne. Verändert hat sich vor allem die Vorbereitung. Mit virtuellen Planungswerkzeugen können wir komplexe Verwandlungen, technische Abläufe und Sichtlinien bereits Monate vor der ersten Probe simulieren und optimieren.
Dadurch kommen wir nach den Proben auf der Probebühne wesentlich besser vorbereitet auf die Bühne und gewinnen wertvolle Zeit für die eigentliche künstlerische Arbeit.
Große Häuser leben von Tradition – aber auch davon, dass jede Generation neue Ideen und Arbeitsweisen mitbringt. Spüren Sie aktuell einen Wandel in der Art, wie Produktionen geplant und vorbereitet werden?
Ulfried Grabner: Definitiv. Produktionen werden immer komplexer und gleichzeitig stehen immer weniger Probenzeiten zur Verfügung. Virtuelle Planung hilft uns dabei, diese Herausforderungen zu bewältigen.
Viele Prozesse, die früher ausschließlich während der technischen Proben auf der Bühne stattfinden konnten, lassen sich heute bereits im Vorfeld vorbereiten. Dadurch entstehen neue Freiräume für die kreative Arbeit.
Herr Eisenstein, was kann man sich unter einem virtuellen Theater konkret vorstellen?
Robert Eisenstein: Im Prinzip entsteht eine virtuelle Abbildung unserer Bühne. Bühnenbilder, Beleuchtung und technische Abläufe können bereits lange vor der ersten Probe simuliert und getestet werden.
Das Besondere dabei ist, dass wir mit denselben Steuerpulten arbeiten wie später auf der realen Bühne. Für uns verändert sich die Arbeitsweise also kaum – lediglich der Blick geht zunächst auf einen Monitor statt direkt auf die Bühne.

Virtuelle Abbildung der Bühne (Bildschirm)
Frau Swoboda, wie entstehen diese virtuellen Bühnenwelten eigentlich?
Eva Swoboda: Die Grundlage bilden die 3D-Modelle und Werkstattzeichnungen der jeweiligen Produktion. Teilweise stammen diese direkt von den Bühnenbildnerinnen und Bühnenbildnern, teilweise werden sie aus technischen Konstruktionsdaten erstellt und für die Visualisierung aufbereitet.
Dabei konzentrieren wir uns bewusst auf die Elemente, die für Bewegungen, Sichtlinien und technische Abläufe entscheidend sind.
Welche Vorteile entstehen dadurch bereits in der Vorbereitung einer Produktion?
Robert Eisenstein: Die Vorteile beginnen lange bevor die erste Kulisse gebaut wird. Wir können Sichtlinien prüfen, Verwandlungen testen und technische Herausforderungen bereits in einer sehr frühen Projektphase erkennen.
Dadurch vermeiden wir spätere Änderungen und schaffen eine wesentlich höhere Planungssicherheit für alle Beteiligten.
Ulfried Grabner ergänzt: Wir hatten bereits Projekte, bei denen Beteiligte an unterschiedlichen Orten der Welt tätig waren und trotzdem gemeinsam an einer Produktion arbeiten konnten. Entscheidungen, die früher Reisen und lange Abstimmungsprozesse erfordert hätten, lassen sich heute innerhalb weniger Minuten gemeinsam treffen.
Wie stark beeinflusst das die eigentliche Probenarbeit?
Robert Eisenstein: Gerade bei komplexen Produktionen ist die Zeitersparnis enorm. Bewegungsabläufe, Verwandlungen und technische Fahrten können bereits Monate vor der Premiere programmiert und getestet werden.
Viele Änderungen, die früher, während der Bühnenproben unter Zeitdruck entstanden sind, werden heute bereits im Vorfeld umgesetzt. Dadurch gewinnen wir wertvolle Bühnenzeit – und Bühnenzeit gehört in jedem Opernhaus zu den wertvollsten Ressourcen überhaupt.
Eva Swoboda: Zusätzlich bringt die virtuelle Planung auch mehr Sicherheit. Wir können Abläufe testen, ohne Risiken für Menschen, Dekorationen oder Technik einzugehen. Fehler werden frühzeitig erkannt und können korrigiert werden, bevor sie auf der Bühne entstehen.
Schafft digitale Planung am Ende vor allem Effizienz – oder vielleicht sogar mehr Raum für Kreativität?
Robert Eisenstein: Beides. Je weniger Zeit wir für technische Grundlagen benötigen, desto mehr Zeit bleibt für die eigentliche Kunst.
Wir können uns stärker auf Lichtstimmungen, Atmosphäre und kreative Details konzentrieren. Die Technologie ersetzt Kreativität nicht – sie schafft die Voraussetzungen dafür, dass Kreativität noch besser entstehen kann.
Verändert sich dadurch auch die Zusammenarbeit zwischen Technik, Regie und Kreativteams?
Eva Swoboda: Absolut. Alle Beteiligten arbeiten mit derselben visuellen Grundlage. Dadurch werden Abstimmungen einfacher und Entscheidungen schneller.
Gerade bei internationalen Produktionen oder Teams an unterschiedlichen Standorten ist das ein großer Vorteil.
Robert Eisenstein: Auch neue Kolleginnen und Kollegen können wesentlich einfacher eingeschult werden. Das System ermöglicht es, Abläufe in einer sicheren Umgebung zu üben und kennenzulernen, bevor sie auf der Bühne stattfinden.
Warum setzen bislang noch nicht mehr Häuser auf solche Technologien?
Ulfried Grabner: Neue Technologien bringen oft zunächst eine gewisse Zurückhaltung mit sich. Viele Menschen verbinden damit automatisch hohe Komplexität oder großen Schulungsaufwand.
Unsere Erfahrung ist allerdings eine andere: Die eigentliche Visualisierung ist erstaunlich intuitiv und einfach zu bedienen. Die virtuelle Umgebung hilft dabei, diese Arbeit einfacher und sicherer zu machen.
Wie sehen Sie die Zukunft der Opernproduktion?
Ulfried Grabner: Ich bin überzeugt, dass virtuelle Planung künftig eine wesentlich größere Rolle spielen wird. Die Anforderungen an Produktionen steigen und die verfügbaren Zeitfenster werden gleichzeitig immer kleiner.
Robert Eisenstein: Und wahrscheinlich stehen wir erst am Anfang dieser Entwicklung. Themen wie virtuelle Realität oder immersive Planungsumgebungen könnten die Arbeitsweise der Branche in den kommenden Jahren weiter verändern.
© Waagner-Biro Stage SystemsUntermaschinerie der Wiener Staatsoper
Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit in der virtuellen Planung?
Ulfried Grabner: Virtuelle Planung reduziert nicht nur Zeit- und Kostenaufwand, sondern trägt auch zu einer nachhaltigeren Arbeitsweise bei. Internationale Abstimmungen können digital stattfinden, wodurch Reisen reduziert und Entscheidungen schneller getroffen werden können.
Eva Swoboda: Auch im Dekorationsbau entstehen Vorteile. Wenn technische Abläufe und Anforderungen bereits früh sichtbar werden, können Ressourcen gezielter eingesetzt und unnötige Anpassungen vermieden werden.
Robert Eisenstein: Am Ende geht es darum, nur das zu bauen, was tatsächlich benötigt wird, und die verfügbare Zeit auf der Bühne möglichst effizient zu nutzen.
© Waagner-Biro Stage SystemsC·A·T V5 Steuerung mit Blick auf den Zuschauerraum
Trotz aller Technologie: Was bleibt für Sie die besondere Magie der Oper?
Robert Eisenstein: Für mich ist es die Reise von der ersten Idee bis zur Premiere. Aus einer Vision entsteht Schritt für Schritt eine Produktion mit Bühnenbild, Licht, Technik und Musik – und am Ende ein Erlebnis für das Publikum.
Eva Swoboda: Mich fasziniert immer wieder, wie aus einer Idee etwas entsteht, das schließlich auf der Bühne lebendig wird. Oft fragt man sich am Anfang, wie das überhaupt funktionieren soll – und am Ende gelingt es doch.
Ulfried Grabner: Und genau das macht Theater aus: Menschen aus unterschiedlichsten Bereichen arbeiten gemeinsam an einer Produktion. Künstlerinnen und Künstler, Technikerinnen und Techniker, Handwerker und Verwaltung – alle verfolgen dasselbe Ziel. Diese Vielfalt macht die Arbeit im Theater so besonders.
Eine letzte Frage: Verliert die Oper durch digitale Werkzeuge ein Stück ihrer Tradition?
Robert Eisenstein: Nein. Die Tradition findet auf der Bühne statt. Das Publikum erlebt weiterhin dieselbe Magie, dieselben Emotionen und dieselbe Kunst.
Eva Swoboda: Die virtuelle Planung verändert nicht das Erlebnis der Zuschauerinnen und Zuschauer. Sie hilft uns vielmehr dabei, dieses Erlebnis noch besser umzusetzen.
Ulfried Grabner: Wenn überhaupt, schaffen diese Technologien mehr Raum für Qualität, Kreativität und eine entspanntere Probenarbeit – und genau das kommt letztlich auch auf der Bühne an.

Seitenansicht im Bühnenbereich
„Das virtuelle Theater ersetzt die Magie der Bühne nicht – es schafft mehr Raum dafür.“
Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis: Die Zukunft der Bühne liegt nicht im Ersatz von Tradition, sondern in der intelligenten Verbindung von jahrzehntelanger Erfahrung und neuen technologischen Möglichkeiten.
© Waagner-Biro Stage SystemsMelanie Wograndl
Autor
©Waagner-Biro Stage SystemsVictoria Knitschke
Autor
5.11.2026
In diesem Artikel
Waagner Biro Stage